ad acta - Aussteiger aus der rechtsextremen Szene Kl. 9

 ad acta – Aussteiger aus der rechtsextremen Szene         

Rechtsextremismus? Nicht mit uns!                            Workshop „Aussteiger aus der rechen Szene berichten“

In Gemeinschaftskunde sollen sich die Schüler mit dem Rechtsextremismus auseinandersetzen und im Geschichtsunterricht mit dem historischen Vorläufer, dem Nationalsozialismus. Doch die gesellschaftlichen Erwartungen an die Schule gehen darüber hinaus: Schule soll gegen den Rechtsextremismus "immunisieren"; sie soll moralische Standards und soziale Kompetenzen vermitteln, die dazu führen, dass Jugendliche für rechtsextremes Gedankengut nicht empfänglich sind. Sie soll mithin in den Prozess der politischen Überzeugungsbildung von Jugendlichen eingreifen und Partei nehmen für Demokratie und Menschenrechte und gegen Rassismus und Nationalismus - und das in dieser Zeit mehr denn je. Das Thema Rechtsextremismus in der Schule ist also nicht nur Wissensvermittlung, sondern es umfasst auch vielfältige Aspekte des sozialen Lernens. Wie kann man den Erwartungen gerecht werden?

Dafür lädt die Oberschule jedes Jahr den Sozialarbeiter Herrn Ankele mit einem Aussteiger aus der rechten Szene ein. Die Schüler bekommen die Möglichkeit, vieles zu diesem Thema in persönlichen Gesprächen mit dem Aussteiger zu erfahren. Diese große Chance nutzten auch in diesem Jahr wieder die Schüler der 9. Klasse. Am 25. Januar besuchte Herr Ankele unsere Oberschule bereits zum 9. Mal. In Vorbereitung auf das Gespräch erstellten die Schüler im Unterricht Fragen zum Thema, die sie persönlich besonders interessierten. Ganz besonders war bei der diesjährigen Begegnung, dass gleich zwei Aussteiger von ihrem Leben berichteten. Die Klassen 9a und 9b konnten somit drei besonderen Referenten begegnen: Christoph, Aussteiger aus der rechten Straßenszene, Maik, Aussteiger aus der Politszene und Michael Ankele, Sozialarbeiter. Denn bei der Auseinandersetzung mit der rechten Szene muss man, so betonten die Referenten, unbedingt zwischen der rechten Straßen-Szene und der intellektuellen Polit-Szene unterscheiden. Herr Ankele konnte mit bewegenden Storys seiner Klienten, die er nach dem Ausstieg aus der Skinhead-Szene begleitet, aufwarten. Solch ein Ausstieg ist nämlich keine einfache Angelegenheit. Vertraute soziale Beziehungen hat man in der Regel bereits beim Einstieg hinter sich gelassen. Meist ist man dann (mitunter auch mehrfach) mit dem Gesetz in Konflikt geraten. Da ein Ausstieg in der Szene „Verrat“ bedeutet, muss man mit massiven Bedrohungen rechnen. Oftmals ist deshalb die Suche nach einem neuen Wohnumfeld nötig. Die Suche nach einer Arbeits-/Ausbildungsstelle gestaltet sich auch nicht ganz einfach. Hohe Schulden sind ebenfalls ein Problem, aus dem mancher junge Mensch – wenn überhaupt – ohne Hilfe von außen nicht mehr herausfinden kann. „Es war nicht alles Scheiße in der Szene, ich habe viel gelernt. Aber leider habe ich auch ganz viel verpasst. Man ist nur einmal in eurem Alter, man kann es nur einmal erleben. Deswegen bin ich hier, um euch von mir und meinen Erfahrungen zu erzählen, damit ihr nicht den gleichen Fehler macht.“ Das war Christophs Einstieg in vier spannende Unterrichtsstunden gegenseitigen Austauschs. Er berichtete aus 16 Jahren Leben in der rechten Szene. Seine Offenheit stieß bei unseren Schülern auf großes Interesse. Die Schüler stellten viele Fragen. Christoph erzählte von sich und seinem Einstieg in die rechte Szene, er erklärte viel und baute Wissen bei seinen gebannten Zuhörern aus. Er ist mit der Gedankenwelt des Nationalsozialismus quasi groß geworden. Durch seine Probleme beim Lesen und Schreiben fand er als neunjähriger Junge den ersten Kontakt zur rechtsextremen Szene. Der große Bruder seines Freundes, der dieser Szene angehörte, brachte ihm mit NS-Lektüre mehr oder weniger das Lesen und Schreiben bei. Christoph wagte nach 16 Jahren den Ausstieg aus der Kameradschaft und teilt seither seine zahlreichen Erfahrungen Jugendlichen und Erwachsenen mit. Er wurde bei seinem Ausstieg vom Verein Projekt 21 II unterstützt, der das Aussteigerprogramm „ad acta“ ins Leben gerufen hat. Maik, ehemals stellvertretender NPD-Landesvorsitzender sowie Mitarbeiter der NPD-Fraktion im Sächsischen Landtag und Aussteiger seit 2015, berichtete ebenso aus seinem eigenem Erleben. Er räumte ehrlich ein, einer der eifrigsten Propagandisten gegen Asylbewerber gewesen zu sein. Offen sprach er von eigenen Hetzreden auf politischen Veranstaltungen, die wohl auch dazu beigetragen haben, dass sich Jugendliche der rechten Szene angeschlossen haben und sogar gewalttätig wurden. Dies, so erklärte er den Schülern, bedauert er im Nachhinein am meisten. Doch nach und nach setzte ein Umdenken bei ihm ein und führte zum Bruch mit der eigenen Vergangenheit. Man hätte eine Stecknadel im Raum fallen hören können, als  Maik von einer Gruppe syrischer Männer berichtete, für die er im Rahmen seiner Tätigkeit als Dozent als Deutschlehrer tätig war. Die Kontakte mit diesen Menschen sowie auch herzliche Begegnungen mit ihnen außerhalb seiner Lehrtätigkeit trugen wohl ganz wesentlich zu seinem Umdenken bei. Derartige soziale Kontakte, so legte er seinen jungen Zuhörern ans Herz, sind sehr wichtig, um Vorurteile zu beseitigen. Auch Sachliches wurde besprochen. Dabei ging es vor allem um verbotene rechte Symbolik sowie um Straftatbestände. Von der anschließend angebotenen Möglichkeit zum Diskutieren machten die Schüler sehr regen Gebrauch. Auf alle sie bewegenden Fragen erhielten sie beeindruckend ehrliche Antworten. Beide Gäste betonten, dass es ihnen wichtig ist, bei den Jugendlichen eigene Denkprozesse in Gang zu setzen.

Wir danken Christoph, Maik und Herrn Ankele herzlichst für diese überaus beeindruckende Veranstaltung und planen bereits das neue Treffen im nächsten Jahr. Denn kein noch so gutes Lehrbuch kann das leisten, was derartige Begegnungen mit solch engagierten Referenten für unsere Schüler mit sich bringen.

Klasse 9b im Gespräch mit den Aussteigern

viele Fragen und viele ehrliche Antworten

Die Schüler waren beeindruckt!

Klasse 9a

auch hier eine Fülle an Fragen

Die Schüler schauen sich Symbole der Rechtsextremen genauer an.