Jubiläumsbericht zum Aussteigerprojekt

10 Jahre Aussteigerprojekt: Rechtsextremismus? Nicht mit uns!

Vorwort zum Bericht von Frau Alban

Im Fach Gemeinschaftskunde sollen sich die Schüler mit dem Rechtsextremismus auseinandersetzen und im Geschichtsunterricht mit dem historischen Vorläufer, dem Nationalsozialismus. Doch die gesellschaftlichen Erwartungen an die Schule gehen darüber hinaus: Schule soll gegen Rechtsextremismus „immunisieren“, sie soll moralische Standards und soziale Kompetenzen vermitteln, die dazu führen, dass Jugendliche für rechtsextremistisches Gedankengut nicht empfänglich sind.  Laura zeigt mit ihrem beeindruckenden Bericht über den Besuch des Aussteigers, dass es möglich ist, diese hochgesteckten Ziele in der Schule im Rahmen des Unterrichtes zu verwirklichen! Wenn nur ein Teil ihrer Empfindungen, Jahr für Jahr bei jedem einzelnen Schüler geweckt wird, bringt dieses Projekt einen unersetzlichen Gewinn mit sich. Und das bereits zum 10. Mal. Dank der ehemaligen Gemeinschaftskundelehrerin Frau Beulig, welche vor 10 Jahren das Projekt zum erstem Mal initiierte, ist es gelungen, über 300 Schüler für dieses Thema zu sensibilisieren.

Wir danken zudem Herrn Ankele und seinen „Aussteigern“ für diese Veranstaltungen und planen bereits das neue Treffen im nächsten Jahr.

Liebe Laura, vielen Dank für deinen großartigen Bericht, auch Nichtteilnehmende bekommen so eine gute Vorstellung des Projekts und hinterfragen vielleicht ihre eigene Sichtweise.

von Laura Heymann 9a

Mit 19 geriet er in die rechtsextreme Szene, der Ausstieg letztendlich gelang ihm mit 39 Jahren. Welche Vergangenheit Maik hat und wie er es mit Hilfe des Sozialarbeiters Michael Ankele schaffte, sich wieder ein normales Leben aufzubauen, teilten uns beide am 07.12.2017 während des zweistündigen „Projekt Aussteiger aus der rechtsextremen Szene“ mit. Alles was hier geschrieben steht, ist nichts als die Wahrheit.

20 Jahre lang war Maik in der rechtsextremen Szene tätig. Diese ist nur eine von vielen Geschichten, welche sich auf gefährlichem Boden abspielten, bzw. immer noch existent sind und sich weiterhin anhäufen. Mit diesem Projekt wollen sich Aussteiger der rechten Szene, an verschiedene Zielgruppen wenden, darunter größtenteils Schulklassen, um ihre Erfahrungen preiszugeben und weiterzuleiten. Sozialarbeiter Michael Ankele erklärte: „Wir, das Aussteigerprojekt ,,Projekt 21 II eV“ hatten bis jetzt ca. 100 Klienten und über 500 Projektveranstaltungen sowie Vorträge über dieser sehr ernst zu nehmenden Situation, in welche ganz normale Menschen, wie damals Maik, hineingeraten.“ Außerdem versicherte uns Herr Ankele im Laufe des Projektes, er sei ein „Peace-Mann“ und dass er auf keinen Fall linksextrem ist. Die Meinung des Sozialarbeiters ist, dass alle politischen Überzeugungen okay sind, aber Extremisten gehören nicht hier her. Da das Thema Extremismus im Allgemeinen ein sehr sensibles ist, fragen sich viele was die Gründe dafür sind, sich überhaupt auf solch eine Lebensrichtung einzulassen. Maik erzählte uns, dass er als Jugendlicher rebellieren wollte. Er selbst ist in einem Umfeld aufgewachsen, wo es zu diesen Fällen häufiger kommen kann. Außerdem gab es die rechte Musikszene, an welcher viele Jugendliche leicht Gefallen fanden und einen Grund sahen sich anzuschließen, damit man sich akzeptiert fühlt, dazugehörig, unter „Gleichgesinnten“. Meist fallen eher Gymnasiasten den „Gangs“ zum Opfer. Sie werden u.a. zu schulischen Nachhilfeterminen überzeugt und es wird versucht, nach einiger Zeit herauszufinden, ob derjenige geeignet ist und wie er zu Politik steht. Bei rechtsextremen Gangs wird jeder aufgenommen, doch die Bedingung ist, loyal zu bleiben, das heißt, sich von Familie und Freunden zu isolieren und den Idealen und Zielen immer treu zu sein. Nach dem man einmal drin ist, kommt man nicht so einfach raus. Die Szene ist meistens sehr gut organisiert und von Außenstehenden kaum einschätzbar. Das Wort „Extremismus“ bedeutet eindeutig, dass man es hier mit Gewalt zu tun hat. Durch Manipulation werden viele mit hineingezogen auch mit Hilfe von gezielten Schulungen, z.B. die Rassenschulung, wie und wo man Demonstrationen wirkungsreich antritt und die geplante Verteilung von Flugblättern. Die ganze Szene kann man hauptsächlich in zwei Bereiche eingliedern: die politische Szene und die Straßenszene. Maik persönlich war in der politischen Szene tätig und viele Jahre lang wichtiges Mitglied der NPD, sowie ehemals stellvertretender NPD-Landesvorsitzender der NPD-Fraktion im Sächsischen Landtag in Sachsen. Bei ihm gab es keine großartigen Geldprobleme, da er einen bezahlten Job hatte. Bei der Straßenszene jedoch, kommt es häufig zu Schulden, da man das Geld, welches man besitzt für Kleidung, die der Szene angemessen war oder für seine Kameraden selbst, ausgab. Es gehen viele Jahre vorbei und man hat nichts gelernt. Man bekommt kein Geld, aber Hartz IV zu beantragen, ist auch in gewisser Hinsicht Verrat gegen die politische Meinung, da das Geld vom Staat kommt, man aber ein Staatsfeind ist. Außerdem kommt diesmal für beide Szenenrichtungen noch dazu, dass man sich zu Anfang gleichberechtigt gefühlt hat, man war der Meinung, „richtige“ Freunde oder Kameraden mit dem gleichen Sinnbild gefunden zu haben. Doch nach einer bestimmten Zeit, fängt man an, Fragen über das System und die Menschen zu stellen. Zeigt man irgendeinen Zweifel an der ganzen Sache, die man im schlimmsten Fall schon Jahre betreibt und für nichts anderes in seinem Leben Platz gelassen hat, wird man von diesen „Freunden“ fallen gelassen. Man hat den alten Freundeskreis nicht mehr, kaum oder schlechte Kontakte zur Familie, kein normales und sicheres Berufsleben, eventuelle Tattoos, die irgendwelche rassistische Zeichen oder Sprüche enthalten, außerdem ist eine emotionale Beziehung kaum möglich. Man hat viele Straftaten, wie Prügeleien oder Beleidigungen von Staatsorganen begangen, was alles zu Geld- bzw. Freiheitsstrafen führen kann. All diese Gründe verwandeln sich in großen Hass, auf sich und das ganze System, welches immer wieder schöngeredet wurde. Häufig sind es dann Familienmitglieder, die zum Sozialdienst gehen und um Hilfe bitten.

Herr Ankele erzählte uns von einer Mutter, die ihrem Sohn, der sich durch die rechtsextreme Szene komplett von seiner Familie isoliert hatte, ins Gewissen reden wollte, sie mache sich große Sorgen und er solle auf sich aufpassen. Der Sohn war so in Rage, dass er die Mutter fast mit einem Kissen erstickt hatte. Dann sagte der Sozialarbeiter noch, dass es eine andere Familie gäbe, in welcher Mutter und Sohn seit einem Jahr nicht mehr miteinander redeten, obwohl sie sich jeden Tag sahen und die beiden gerade einmal 50 cm trennten. Eine andere Familiensituation war, dass die Mutter so große Angst vor ihrem Sohn hatte, dass sie sich jeden Tag, als er abends nach Hause kam, in ihr Schlafzimmer einsperre.

Maiks Anlass auszusteigen war, dass sein Vorbild seiner Jugend, wegen Kinderpornographie angezeigt wurde und Maik dachte über das Ganze, was er sich unter der rechtsextremen Szene vorstellte und darüber gelernt hatte. Nach und nach merkte er, dass hinter all dem keine Logik steckte. Das war der Zeitpunkt, als er sich an den Sozialarbeiter wendete. Bei jedem Klienten muss man darauf achten, dass er sich bewusst ist, was man anderen und sich selbst angetan hat und wie hoch das Strafausmaß seiner Fehler während der Zeit in der Szene ausgefallen ist. Danach ist das Erste und Wichtigste, sich einen neuen Job zu suchen. Dadurch bekommt man ein neues Umfeld und knüpft neue soziale Kontakte. Leider dauert es Jahre, den Hass abzubauen, sich komplett umzuorientieren und andere Kontaktpersonen zu finden. Außerdem ist es ein großes Risiko, sich draußen im gewohnten Umfeld aufzuhalten, da man nicht vergessen darf, dass man die rechtsextreme Szene „verraten“ hat. Man muss damit rechnen, verfolgt zu werden. Sie können den Aussteiger verprügelt oder die neuen sozialen Kontakte durch Lügen zerstören. Über soziale Netze können die Extremisten recht problemlos recherchieren, wo man sich befindet. Eine Frau, deren Kind sich deswegen umgebracht hatte, musste vier Mal das Bundesland und ihren Namen wechseln.

Maik selbst war ein Asylkritiker, was in der rechtsextremen Szene auch gängig war und hat betont, dass er heute nicht direkt gegen die rechte Szene arbeite. Er hat sich mit Asylanten auseinandergesetzt und seine Meinung hat sich dadurch komplett geändert. Der Aussteiger erklärte uns, dass die Extremisten (und viele weitere Menschen) keine oder wenige persönliche Erfahrungen bzw. Verbindungen zu Asylanten haben. Maik legte uns ans Herz, sich erstmal mit Personengruppen und Meinungen auseinander zu setzen, um eigene Erfahrungen zu sammeln, bevor man sich von anderen überzeugen lässt. Viele Aussteiger haben noch viele Jahre danach die Angewohnheit, in manchen Situationen so wie damals als Rechtsextremist zu denken. Außerdem wird es noch geraume Zeit dauern bis man den emotionalen Kontakt zur Familie wiederherstellen kann, wenn das überhaupt möglich wird. Noch heute fühlt sich Maik bei seinen öffentlichen Auftritten beobachtet. Diese „kleine Sache“ in die Maik damals mit 19 Jahren hineingeraten ist, hat ihn nicht nur Geld und Zeit gekostet, sondern auch seine Ehe. Darüber hat er uns nicht allzu viel erzählt, was nachvollziehbar ist.

Dieses Schulprojekt zeigt einem, was man seiner Familie, seinen Freunden und vor allem sich selbst, durch Beitreten einer solcher „Sekte“ antun kann. Ich bin dankbar, dass diese Aussteiger mit den Auftritten und Vorträgen versuchen, die Fehler, die sie begangen haben, im bestmöglichen Sinne wieder gutmachen zu wollen.

Ich hoffe, dass die Aufklärung über den Rechtsextremismus noch viele Menschen erreicht.

9b im Gespräch

9a im Gespräch

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